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Ausgezeichnet4,9

Von dunklen Nächten und guten Geistern

„Nachts, im tiefen Winter, da tragen sich manchmal die merkwürdigsten Dinge zu. Der Himmel verwandelt sich in ein schwarzes Tuch, bestickt mit funkelnden Lichtkugeln. Die Bäume bekommen langgliedrige, dünne Arme, die sich nach einem auszustrecken scheinen, leise Geräusche werden intensiver und gehen durch Mark und Bein. Die Leute werden seltsamer und der Wolfsgrubener See wird zu einem schwarzen, undurchdringbaren Krater.“

Für Sarah Meraner, freie Texterin und Content Scout bei clicktext, sind Wörter, Geschichten und die damit verbundenen Emotionen seit jeher die absolute Faszination. Nicht umsonst schreibt und erzählt sie wie verrückt auf ihrem Kurzgeschichtenblog „Geschichten im Kopf“. 


„Opa, kannst du etwas Fröhliches erzählen, etwas, das nicht so gruselig ist?“ Marie zog sich die Decke weit übers Gesicht.
„Diese Geschichte ist nicht gruselig, keine Sorge. Ich weiß, dass sie dir gefallen wird!“ Großvater lachte und wuschelte seiner Enkelin die Haare. „Alles verwandelt sich bereits mit dem Licht der Abenddämmerung, und wenn das Licht vom schwarzen Tuch dann schließlich verschluckt wird, gibt es für die meisten Leute nur noch einen Weg: den nach Hause. Dabei wissen sie gar nicht, was sie alles verpassen! Eine ganze Zeit lang, ich war noch ein kleiner Bub, da schlich ich mich nachts immer fort. Damals dachte ich, dass es meine Eltern gar nicht bemerkten, im Nachhinein weiß ich, dass sie mir immer unauffällig folgten und die Stunde in der Nacht draußen genauso genossen wie ich. Wie auch immer, ich schlich mich also hinaus, geräuschlos. Aber so mutig ich auch war, hatte ich dann doch immer etwas Angst, dass irgendetwas passieren könnte. Also suchte ich mir immer gut bekletterbare Bäume und setzte mich auf ihre dicken Äste. Das gab mir etwas Sicherheit. Und dann wartete ich in der Kälte darauf, dass etwas passierte, etwas Außergewöhnliches eben. Und weißt du was? Jede Nacht passierte etwas Eigenartiges, ja, das war tatsächlich so! Einmal, da hörte ich ein Summen aus dem angezuckerten Winterwald, ein anderes Mal blinkten Lichter aus ihm. Rote, grüne, violette. Bunte, kleine Farblichter. Ein anderes Mal kam ein seltsames Tier vom Weg herunter und legte sich genau an den Baum, auf dessen Ast ich gerade saß und schnarchte unter meinen Füßen laut und friedlich. Und einmal, das weiß ich noch genau, da schien es der Himmel gut mit mir zu meinen, denn er sendete mir die ein oder andere Sternschnuppe. Ich fand damals, dass es heller war an jenem Abend als an allen anderen bisherigen Abenden und es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Sternschnuppen gesehen habe. In dieser winterlichen Stunde habe ich mich in die Nacht verliebt.“ Ludwig blickte verträumt nach draußen.
Marie musste über ihren Großvater schmunzeln, über seine Verträumtheit, seine Liebe zu alten Geschichten und darüber, dass er nach all den Jahren wohl noch immer nicht gemerkt hatte, dass seine Eltern ihm die schönen Erlebnisse draußen im Wald geschenkt hatten. Denn von wem sonst sollten die Lichter aus dem Wald stammen, von wem das Summen? Na gut, das seltsame Tier, von dem er sprach, konnte Marie sich auch nicht wirklich erklären und die Sternschnuppen waren einfach nur Zufall. Aber dass er das überhaupt alles erleben konnte, lag ja nur daran, dass seine Eltern ihn nicht daran hinderten, sondern ihn wie gute Geister auf seinen nächtlichen Abenteuern begleiteten.
„Nun denn“, Ludwig erhob sich vom Bett und streckte sich, „Ich wünsche mir, dass du dich auch irgendwann so sehr in die Nacht verlieben wirst, wie ich es damals getan habe. Schlaf gut, meine Liebe!“
Als er Maries Zimmer verließ, war er immer noch versunken in seine eigenen, süßen Erinnerungen. Die Nächte am weihnachtlichen Nachtsee, ach, wie hatten sie sich in sein Herz gebrannt! Ludwig ging in die Küche, um sich in aller Ruhe eine Tasse Tee aufzusetzen. Dann setzte er sich gemütlich in seinen alten Ledersessel und blickte verträumt - die Tasse mit dem heißen Gebräu fest mit seinen beiden Händen umschlossen – nach draußen. Die Nacht rief ihn leise zu sich, wieder einmal. Und so schlüpfte Ludwig in seinen dicken Wintermantel, folgte dem Ruf und ging nach draußen. Er schlenderte am zugefrorenen und vom Schnee bedeckten See entlang und atmete die weiß-dunkle Nacht tief ein, als er plötzlich ein Rascheln ein paar Meter weiter vorne vernahm. Mit einem Mal fühlte er sich wie damals, als er ein kleiner Junge war. Etwas unsicher, etwas ängstlich, aber von Neugierde getrieben, schlich Ludwig in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien. Vielleicht war es wieder das komische Tier? Lautlos schritt er nach vorne. Als er erkannte, dass es Marie war, die gerade versuchte auf einen Ast zu klettern, musste er grinsen. Jetzt war seine Zeit gekommen. Nun durfte er als guter Geist seiner Enkelin zur Seite stehen.
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