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Ausgezeichnet4,9

Die Knollberger

Wenn sie zwischen die Kiefern und Buchen treten, dann verändert sich die Welt. Das Wasser gluckst am Inselrand, ja, die Insel wiegt sich fast, zusammen mit dem See. Das Labyrinth der Knollberger öffnet seine Blättertür für sie, lässt sie ein bisschen offen, falls noch jemand rein will und schließt den Wald dann bis zum Abend.

Maria Christina Hilber, freie Autorin und Texterin bei clicktext, der Agentur für Web Content und Distribution, bewegt sich zwischen den Genres. Versteht die Welt durch Geschichten. Forscht, schreibt und komponiert unentwegt. 

Felix und Marie treffen sich oft am See, um zu spielen. So oft es geht. Sie müssen dann nicht lange reden. „Um halb 4?“ „Ja, passt. Bis später.“
Im Frühling ziehen sie ihre bunten Turnschuhe an und treffen sich dann unter den drei Kiefern. Aber diese Woche war Felix ziemlich plötzlich ziemlich anders. „Halb 4?“, fragte Marie am Montag. Er schaute nicht richtig auf, zog den Kopf ein, murmelte in seinen Bart, den er erst in ein paar Jahren haben würde. „Was hast du denn?“, fragte Marie.
„Nix“, er schüttelte den Kopf, zog den Schnodder in die Nase und die Schultern nach oben. „Kann nicht“, sagte er, versenkte den Kopf wie eine Schildkröte und bog ab nach Hause.

Sowas hatte es noch nie gegeben. Marie war verwirrt und ein bisschen gekränkt. Es ist Frühling, alle Grüntöne der Welt haben sich in den Bäumen verfangen und Felix wird zur Schildkröte? Außerdem quasselt er sonst doch ununterbrochen, heute war er aber ganz still. Es ist komisch.
Um halb 4, nach den Hausaufgaben, stieg Marie in ihre Turnschuhe und ging langsam runter ans Wasser. Es ist so eigenartig, wenn da kein Felix wartet, dachte sie. Da weiß man nicht, wohin man gehen soll. Also schaute Marie rüber auf die Insel und erinnerte sich daran, wie Felix sie an den Baum gebunden hatte, damit die Knollberger sie nicht holen konnten. Die Knollberger, das sind die Waldbewohner, die ihnen verschlungene Spuren aus Knollen und Wurzeln auslegten, um sie tiefer in ihr Inselreich zu locken. Man weiß nie, was sie gerade vorhaben. Einmal holten die Knollberger den großen Wind, damit er die Marie davontrug, aber Felix war schlau wie ein Fuchs und hat sie einfach an eine Buche gebunden. Damit hat er sie gerettet und die Knollberger mussten sich was anderes überlegen.

In der Ferne, zwischen den Bäumen, sah sie plötzlich zwei Jungs. Sie waren bunt angezogen, deshalb konnte Marie sie erkennen. Also eigentlich sah sie nur zwei bunte Punkte, die wie Jungs aussahen, einer davon glich dem Felix sehr. Marie fühlte ein kleines Stechen beim Atmen und bekam ein bisschen Bauchweh. Sie schaute den beiden zu, wie sie immer wieder ans Ufer rannten und mit kleinen Schalen aus Holzrinde, das konnte sie erkennen, Wasser aus dem See holten.

„Hey!“, wollte sie schreien, „Hey - die Knollberger wollen das nicht! Die werden sich noch wehren, ihr werdet schon sehen!“ Doch ihr kam kein Laut aus dem Mund und sie zog den Kopf nun selbst ein wie eine Schildkröte und schlurfte nach Hause. Dort zog sie die Schuhe aus, pfefferte sie in die Ecke und schniefte laut. Wer war der überhaupt? Der andere? Den hatte sie noch nie - warte mal - noch nie gesehen!?

Am nächsten Tag, als sie auf den Bus warteten, drehte sie dem Felix den Rücken zu. So konnte sie nicht sehen, dass er da mit dem Jungen stand. Marie spürte ihre Blicke im Rücken. Ihr war auch ein bisschen eigenartig vor Trotz, also ging sie noch ein paar Schritte weiter weg. Auf einmal hörte sie einen Ton, mehr eine Tonleiter, wie sie die Vögel manchmal zwitschern. Genau das hatte sie schon gestern von der Insel rüber gehört und da hielt‘s Marie nicht mehr aus und sie drehte sich um. Da stand sie also vor Felix und Philipp. Dem Philipp aus der Kugel, die ihr der See damals im Winter geschenkt hatte! Und er pfiff auf der Weidenflöte und seine Nase stupste ein bisschen nach oben, so, dass man von unten reinschauen konnte. Lustig. Dann hielt er ihr die Weidenflöte entgegen, der Philipp. Felix, ganz rot im Gesicht, sagte verlegen: „Das ist mein Nachcousin, der wohnt jetzt hier.“ Marie war noch ein bisschen beleidigt und wollte schon „Na und“ sagen. Doch sie sagte nur „Hallo“.

„Wir wollten am Nachmittag auf die Insel, weil die Knollberger einen See gebaut haben“, sagte Felix, „kommst du mit?“ Marie versuchte sehr lässig mit den Schultern zu zucken, aber sie ist keine „Mir-doch-egal-Marie“ und so konnte sie sich ihr Grinsen nicht verkneifen. „Halb vier?“ „Ja, halb vier am See!“
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