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Ausgezeichnet4,9

Ein guter Tag

„Du hast ihn zu weit geworfen, deshalb konnte ich ihn nicht fangen!“, beschwerte Marie sich beim kichernden Felix, der wieder einmal unfaire Methoden beim Ballspielen anwendete. Etwas zornig darüber, dass das so war, aber vor allem darüber, dass sie es nicht geschafft hatte, Felix’ gemeine Tricks kommen zu sehen, zog das Mädchen seine Sandalen aus und watete ins Wasser.

Für Sarah Meraner, freie Texterin und Content Scout bei clicktext, sind Wörter, Geschichten und die damit verbundenen Emotionen seit jeher die absolute Faszination. Nicht umsonst schreibt und erzählt sie wie verrückt auf ihrem Kurzgeschichtenblog „Geschichten im Kopf“. 

Sie musste den Ball rausfischen, der im See gelandet war und immer weiter von Marie weg trieb. Sie hatte gar keine Lust nass zu werden, immerhin war es auch nicht mehr besonders warm. Maries Laune war im Moment eh schon nicht die Beste: Sie war nicht erfreut darüber, dass der Sommer vorbei war, Felix ärgerte sie in letzter Zeit ständig und zu allem Überfluss musste sie nun auch noch diesem blöden Ball hinterherjagen, obwohl sie eigentlich lieber etwas anderes gespielt hätte. Und alleine. Es war kein guter Tag. Plötzlich blieb der Ball abrupt liegen und obwohl immer noch dieselben Wellen und die gleichen Bewegungen von Marie das Wasser in Aufruhr versetzen, schwebte er immer am selben Platz, als ob ihn ein Magnet aus der Tiefe an Ort und Stelle hielte. „Was ist das denn …“, Marie näherte sich dem Ball und stellte erstaunt fest, dass er tatsächlich einige Millimeter über der Wasseroberfläche in der Luft taumelte. Unter ihm funkelte der See seltsam gelb und orange und rot und rosa. Irgendetwas schien sich darunter zu verbergen. Schnell und ohne großartig darüber nachzudenken, tauchte Marie unter und wühlte mit ihren Händen im schlammigen Boden herum. Sofort ertastete sie einen metallischen Gegenstand. Er fühlte sich kalt und rau an, und erst, als sie wieder an die Oberfläche kam, sah sie, was sie da zwischen ihren Fingern hielt: Ein Hufeisen, etwas verrostet, aber dennoch schön, denn es strahlte einen besonderen Zauber aus. Marie war so fasziniert von ihrem Fundstück, dass sie gar nicht merkte, wie sehr sie fror. Auch Felix hörte sie nicht, der besorgt nach seiner Freundin rief. Marie strich mit ihren Fingerkuppen über das Hufeisen und sie konnte sich nicht erklären warum, aber mit einem Mal war ihre schlechte Laune wie weggeblasen. Es war ihr egal, dass sie nass war und es war ihr egal, dass Felix sich einen Scherz mit ihr erlaubt hatte. Auf einmal freute sie sich auf den Herbst, der genauso bunt werden würde wie das Funkeln, das dieses Hufeisen gerade versprühte. Ja, es schien ihr wieder Energie und Freude zu geben, aus welchem Grund auch immer. Nicht immer muss man alles verstehen, dachte Marie. Manchmal findet man das Glück ganz unerwartet. Und Marie fand es an diesem Nachmittag eben in Form eines ganz typischen Glückssymbols, das einen winzigen Teil des Wolfsgrubener Sees für einige Augenblicke in Glitzer getaucht hatte. Und aus unerklärlichem Grund hatte es einen magisch-magnetischen Effekt auf den Ball. „Seltsam“, dachte Marie laut, „wirklich sehr, sehr seltsam.“ Felix lief auf sie zu und Marie warf instinktiv das Hufeisen in hohem Bogen zurück ins Wasser, bevor sie sich dann den Ball schnappte. „Was war das, Marie? Ist alles in Ordnung? Ich dachte, du gehst unter oder so!“ Marie lächelte ihren Freund an und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Es geht mir gut. Sehr gut sogar!“, antwortete sie strahlend, watete durchs Ufer und ließ den verdutzten Felix im See stehen.

Vielleicht, so überlegte Marie später am Abend, als sie etwas verschnupft, aber glücklich in ihrem Bett lag, vielleicht hatte sie sich das alles nur eingebildet. Aber in jenem Moment, als sie wütend und bibbernd bis zu den Knien im Wasser gestanden hatte, da passierte etwas Magisches, das innerhalb einer Minute den richtig miesen Moment in Maries kleiner, großer Welt verschwinden ließ. Zufrieden und dankbar konnte das Mädchen einschlafen. Und naja … Marie wusste es nicht, aber es war ihre eigene kindliche Superkraft, die es wieder einmal geschafft hatte, einen nicht so guten Tag in einen richtig guten zu verwandeln.
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