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Ausgezeichnet4,8

In den Augen des Steines

Seit geraumer Zeit liegt auf der Insel ein recht bemooster Stein, der sich so unscheinbar in den Waldboden geschmiegt hat, dass niemand auf den Gedanken gekommen wäre, er habe je ein abwechslungsreiches Leben gehabt.

Maria Christina Hilber, freie Autorin und Texterin bei clicktext, der Agentur für Web Content und Distribution, bewegt sich zwischen den Genres. Versteht die Welt durch Geschichten. Forscht, schreibt und komponiert unentwegt. 

Seit seiner Geburt, also seit er sich vom großen Mutterfelsen abgelöst und sich darauf eingelassen hatte, dass das lange Leben nun mal auch Kanten abschleift und seine Spuren eingraviert, gelangte er auf unterirdischen Wegen in den Wolfsgrubnersee und wurde von dort auf die Insel getragen, denn die Hände des Wassers sind stärker als man zu glauben vermag.

Wie er da so liegt, ist er behäbig und spricht weder gern noch viel. Aber in ihm schlummert ein unruhiges, jugendliches Gemüt voller Neugierde und Flatterhaftigkeit. Er schaut gern den Vögeln zu und nichts tut er lieber, als zusammen mit den Knollbergern, den Bewohnern des Inselwaldes, kleine Späße für die Kinder der anderen Seeseite auszuhecken. Wenn Kinder lachen, dann freut sich alles ringsum, die Menschen, die Steine, der Wind und natürlich auch die Knollberger.
Tatsächlich leben die Steine ja auch in anderen Zeitkategorien und so fand auch dieser Stein nichts Besonderes daran, dass er einer jungen Frau beim Heranwachsen zusah, sie sich einmal sogar summend auf ihn setzte, lauter Kirschkerne um ihn verstreute und die nackten Füßen in den erdigen Boden ringsum wühlte.
Die junge Frau war Maries Mutter. Sie kann sich ein Leben ohne den See und die Seeinsel und seine Bewohner nicht vorstellen. Als Teil ihrer Seele, wie eine Brosche fast, trägt sie die Inselwelt in sich und ist selbst ein Teil davon geworden. Wie viele Momente hatte sie am See verbracht, wie viele Träume dort gesponnen, wie viele Sorgen haben sich zwischen den Bäumen verloren und wie viel Wellenplätschern hört sie, wenn die Augen geschlossen sind.

Auch Momente des Verlusts hat sie dort erlebt. Einmal, der Stein erinnert sich genau, für ihn war es ja wie gestern, lief sie mit einer eigenartigen Kugel aus Glas durch den Wald. Ihre Großmutter hatte ihr dieses ganz besondere Geschenk gemacht, denn dieser Kugel haftete eine besondere Fähigkeit an. Sie war eine Weltensammlerin. Sie fing Leben ein. Das Gestern, das Heute, das mögliche Morgen. Schlüsselmomente in den Tagen der Menschen, Momente des Herzens, Momente des Schmerzes und Momente der Berührung. An jenem Tag hatte Maries Mutter sie mit ins Boot genommen, welches gerade den See überquerte und im Wald dann zugesehen, wie sich das Licht und die Bäume in den Spiegelungen der Kugel verfingen. Sie rollte das runde Kristallglas zwischen den Hügelchen der Insel, noch nicht ahnend, durch wie viele Großmütterhände dieses Geschenk schon gewandert war.
Plötzlich hörte sie einen Knall und erschrak genug, um die Kugel kurz aus den Augen und den Händen zu lassen.

Das Knallen. Jeder um den Wolfsgrubensee kennt es und wundert sich darüber, aber nicht mehr als notwendig.
Es ist weniger ein quirliges Blubbern, denn mehr ein kleinstatomarer Vorgang. Kleine Luftblasen kriechen ganz eng zusammen und träumen von der Wasseroberfläche. Sobald es zu viele werden, verlieren sie plötzlich den Halt, steigen durch das Wolfsgrubenwasser nach oben, ahnen die Verschmelzung mit der großen Lufthülle, verfangen sich manchmal dann noch unter einem Stück Holz. Kurz vor ihrem Ziel, so nahe an der Oberfläche halten sie es nicht mehr aus und lösen sich ungestüm, mit einem Knall, auf.

Durch die Ablenkung des Knalls blieb die Kugel in einer Schräge liegen, und begann kurz darauf zu rollen, über Baumstümpfe, durch Moosbeete, Farne, Ufersteinchen und plumpste schließlich in den See. Heimlich und leise hat sie sich davongemacht. Maries Mama traute sich lange nicht, es jemandem zu erzählen. Mit einer kleinen schmerzenden Lücke in ihrem Herzen musste sie aber immer wieder daran denken. Genauso wie an die Tatsache, dass nichts für immer da ist. Großmütter nicht, Mütter auch nicht, tatsächlich - nichts eigentlich.

Da alles in Bahnen verläuft, ist es nun kein wirklicher Zufall, dass Marie und ihre Mutter heute auf der Insel herum flanieren und sich genau auf diesen einen, weltoffenen Stein setzen. Während sie eine kleine Jause zu sich nehmen, Brötchen und Kirschen essen, erzählt Maries Mutter ihr die ganze Geschichte der verlorenen Kugel. Der Stein und Marie-auf-dem-Stein spitzen ihre Ohren und bekommen große Augen, denn es war noch nicht lange her, dass der See eine Kugel ausgespuckt hatte, direkt vor Maries Füße! Marie platzt damit heraus, es sprudelt aus ihr und der Stein hüpft fast vor Freude, während Maries Mama große Augen kriegt und ihr Herz zu rasen beginnt.

Eilig packen sie ihre Sachen zusammen – Mama, ich muss sie dir zeigen! - und rudern zurück ans Seeufer. Fast rennen sie nach Hause und dort kriecht Marie unters Bett und holt den kleinen runden Schatz hervor. Vor Wiedersehensfreude muss Mama weinen. Sie gluckst ungläubig und streichelt die Kugel, hält sie an ihre Wange, ihre Brust, ihren Bauch, umschlingt sie und gleichzeitig auch ihre Großmutter und alle Menschen, die sie liebt. Marie schmiegt sich an sie und beide weinen noch ein bisschen, denn ob Zufall, Glück oder Schicksal – Seegeschenke berühren das Herz.

Gemeinsam hauchen sie auf das runde Kristall, putzen es mit ihren Ärmeln und dem Laken von Maries Bett und schauen hinein. Sie sehen Frauen, Großmütter, Mütter, eine ganze Reihe – die Frauen ihrer Familie, die ewigen Besitzerinnen der Glaskugel. Lachende Frauen, arbeitende Frauen, beschwerte, strenge, tanzende Frauen. Winkende.

Der Stein indes lässt es sich von den Vögeln erzählen, er lauscht dem Moos, gluckst, weil die Ameisen ihn kitzeln, und denkt über diese eigenartige Zusammenführung von Menschen und Kugeln nach. Rätsel und Wundersames liegen in der Luft.
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