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Ausgezeichnet4,8

Kugeln

Noch ein bisschen schlafen, die Wolken herbeizitieren, einige Schneeflocken ausschütten, ein paar Eiszapfen wachsen lassen. Frau Winter und der Februar sind sich einig: Es geht ihnen gut miteinander. Aber Marie ist ungeduldig. Sie wartet und wartet, eigentlich weiß sie nicht genau worauf, aber dass es kommen wird, da ist sie sich sicher. Das weiß sie genau.

Maria Christina Hilber, freie Autorin und Texterin bei clicktext, der Agentur für Web Content und Distribution, bewegt sich zwischen den Genres. Versteht die Welt durch Geschichten. Forscht, schreibt und komponiert unentwegt. 

Nur heute, am Sonntag, da ist der Februar ein bisschen bockig und will noch keinen Platz für den Frühling machen, als hätte er einen Pakt mit Frau Winter geschlossen, sie solle doch noch ein bisschen bleiben. Sie solle doch noch ein paar Eisbilder in den See zeichnen, sie solle doch noch ein bisschen Morgentau in Kristalle verwandeln, sie solle noch ein bisschen … einfach noch bleiben. So ist das, wenn man sich gern hat.
Marie aber fühlt ein Brodeln in sich. Sie ist unruhig, aufgeregt, ja, ganz hibbelig ist sie schon die ganze Woche. Vor einer Woche nämlich, auf dem Heimweg von der Schule, hat eine Kugel sie gefunden oder Marie hat die Kugel gefunden – es ist nicht ganz klar, wie es war. Eine Kugel, die nicht ganz rund und wirklich nicht klein ist. So groß, dass Marie sie mit beiden Händen, die zugegeben nicht besonders riesig sind, fast nicht fassen konnte. Marie streunte gerade wieder mal zum See hinunter, kickte mit ihren Stiefeln die kleinen Eisknubbel von der Schneedecke und grübelte auch kurz darüber, wie es die kleinen Eiskügelchen überhaupt auf die Schneedecke geschafft hatten. Raufgeklettert? „Wo kommt die Eiskugel her, wo kommt die Eiskugel her“, summte sie vor sich hin. Die Sonne spiegelte sich in den Kügelchen und gluckste vor sich hin und auch aus dem See waren Knacklaute und Gluckslaute zu hören. Alle waren vergnügt und Marie zuckte die Nase. Ein schöner Tag.
Im See, da, wo im Sommer das Schilf grün leuchtend raschelt und das im Winter ganz braun ist und still, war das Eis gebrochen und große Luftblasen stiegen aus dem Wasser auf. Das Ganze war etwas eigenartig und Marie samt ihrer vergnügt zuckenden Nase blieben stehen. Immer mehr Luftblasen stiegen auf, wie ein Luftblasenvulkan blubberte es durch das Loch im Eis und baute eine kleine Wolke aus Eiswasserblasen. Immer schneller, schneller, immer mehr. Sehr eigenartig. Plötzlich, keine Blasen mehr – drei, vier, fünf Sekunden Stille. Marie hielt die Luft an, ging ein bisschen näher und bückte sich: Da spuckte der See kurz auf, und vor ihren Füßen lag die große Kugel. So war das. Die Sonne schien weiter, als ob alles ganz normal wäre, die Kugel war durchsichtig, wie aus Glas. Sie war auch aus Glas. Das stellte Marie dann verdutzt fest. Sie war schwer und gläsern und hatte viele kleine Kanten und Flächen, in denen die Welt eingefangen wurde und auf der anderen Seite, kleiner und umgedreht, wieder gezeigt wurde.
Ja, das Ganze war zum Wundern. Marie schleppte die Kugel nach Hause, sie traf niemanden unterwegs, also wunderte sie sich ganz alleine. Auch daheim war gerade niemand da, nicht mal Großvater und so ging sie in ihr Zimmer und legte die Kugel auf das Bett, dann unter den Kopfpolster, dann unters Bett.
Eine Woche lag sie da, unter dem Bett. Heute, am Sonntag, der Februar und Frau Winter hatten die Wolken vorgeschoben, um noch ein bisschen Ruhe zu haben und auch die Eltern waren noch im Bett, die Langschläfer. Marie mit dem Brodeln im Bauch nahm die Kugel zur Hand.
Schön war sie, schön und verstörend. Marie strich über die kleinen geschliffenen Kanten, wunderte sich über die Farben und die Lichter und versuchte immer tiefer in die Kugel zu schauen. Wie gebannt starrte sie auf das kleine Flackern. Bilder, das Flackern waren kleine Bilder! In dieser Kugel lebte eine kleine Welt, und sie durfte ihr zusehen! Marie erschrak ein bisschen, aber sie konnte nicht aufhören hineinzuschauen. Fische, Steine, Boote. Sie sah eine alte Frau, aber nur ihren Rücken. Sie sah ihren Großvater, wie er einen Vogel auf seine Hand lockte. Sie hörte ein Zwitschern, ein Lachen, einen kleinen Zug aus der Ferne schnaufen und da, ein Junge, der aus dem Zug sprang. Dieser Junge war so groß wie sie und hatte grüne Augen. Wirklich helle grüne Augen und Sommersprossen. Er hüpfte vom Zug, als wäre es nichts und schlüpfte in den Wald. Ja, da war ein Wald und im Hintergrund der See, ihr Wolfsgrubenersee. „Wie heißt du?“, flüstert Marie mit der Kugel in der Hand. Der Junge blieb stehen. Schaute sich um. Ging um den Baum, vor dem er stand, schaute auch um den nächsten Baum. Marie flüsterte nochmals: „Wie heißt du?“, und wieder schien er es gehört zu haben. Er schaute sich um, knackste einen Eiszapfen vom Baum, steckte ihn wie ein Wassereis in den Mund und schien nachzudenken. Seine Stupsnase runzelte sich ein bisschen. Marie kicherte vor ihrer Glaskugel. Auch das schien er zu hören, er kicherte auch und rief plötzlich in den Wald hinein: „Philipp, ich heiße Philipp! Und hier ist überall Musik! Und der Wald gehört zum See, nur dich kann ich nicht sehn!“

So seltsam war die erste Begegnung von Philipp und Marie. Sie legte die Kugel erstmal weg.
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